Vorwort

Inzwischen ist die Zivilisation an diesem entlegensten aller Plätze der Welt angekommen. Sie hat in vielen Punkten das Alltagsleben der Insulaner erleichtert, auch bereichert. Die Arbeitsmöglichkeiten haben sich vervielfältigt, überhaupt die Möglichkeiten, sich persönlich zu entfalten. Jedoch kamen auf selbem Wege auch Haltungen auf der Insel an, die zweifelhaft sind, auch wenn genau diese uns Westlichen ermöglichen, dorthin zu reisen. Auch auf der Osterinsel geht es inzwischen vorrangig um Geld. Auch wenn der Widerspruch offensichtlich ist - ich bin inzwischen nicht nur Nutznießer der Osterinsel, sondern auch Opfer. Ich wurde im Dezember 1999 mehr als einmal auf der Insel mit dem Satz begrüßt: "Was hast du mit all dem Geld gemacht, das du mit unserer Kultur verdient hast?" Etwas, das wie ein Schock auf mich wirkte, weil nur ein Jahr früher ein solcher Satz noch unmöglich gewesen wäre. Damals - ein lächerliches Wort für diesen Zeitraum - gab es noch den Wunsch der Bewahrung auch der Musik der Osterinsel. Inzwischen scheint mir der zitierte Satz eher zu bedeuten: "Warum läßt du uns nicht selbst unsere Kultur (aus)verkaufen?" Es ist in der Tat bitter: während ich in Neuseeland und in Hawai'i eine gerade einsetzende Rückbesinnung auf alte Werte und Traditionen erlebte, scheinen diese auf der Osterinsel gerade zugunsten von ein paar Dollar feilgeboten zu werden. Dabei sind die Osterinsulaner nachweisbar die einzigen, bei denen von "Verdienen" gesprochen werden kann, was den Verkauf der von mir produzierten CD's anbelangt. Meine Plattenfirma TUG Records in Erlangen und ich haben an einem Idealismusprojekt gearbeitet - trotz allem immernoch - etwas, das offensichtlich keinem Insulaner - bei aller zivilisatorischer Horizonterweiterung - zu erklären ist. Es wurde geboren aus Liebe zu dieser Insel - und trifft nun womöglich auf Neid, boden- und basislosen.

Derzeit gibt es eine Reihe von Sponsoren und Produzenten auf der Osterinsel, die verschiedene Bands, die entstanden sind, unterstützen und ihnen CD-Produktionen ermöglichen. Die Folge ist, daß der Gemeinschaftscharakter der Musik verloren zu gehen droht. Die von uns produzierten CD's zeigen in ihrer interpretatorischen und musikalischen Vielfalt deshalb etwas, das es so derzeit auf der Osterinsel nicht mehr gibt. Wenn man so will, ist also aus dem Idealismusprojekt ein Notwendigkeitsprojekt geworden, gerade noch rechtzeitig vor dem kreativen Zerfall vor Ort.

Dabei existiert darin ein weiterer Widerspruch. Erst die steigenden Tourismuszahlen (1999 etwa 22.000 - Quelle: Rapa Nui Journal, Dez. 1999), also auch mein Besuch, haben diese Entwicklung in Gang gebracht und vorangetrieben. Wieder einmal scheint es das Eine ohne das Andere nicht zu geben.

Bleibt zu hoffen, daß während dieser künstlerischen Durststrecke auf der Osterinsel genug kreatives Urmaterial überlebt, um sich nach vielleicht einigen Jahrzehnten - wie in Neuseeland und Hawai'i - selbst wieder ans Licht zu holen. Diese Hoffnung ist sogar berechtigt, betrachtet man einmal die Mißgeschicke, denen die Osterinsulaner in der Vergangenheit ausgesetzt waren, ohne vernichtet worden zu sein: Stammeskriege, Kannibalismus, europäische Entdecker, Missionare, Sklavenjäger, Touristen, Forscher. Bis dahin bleibt die Osterinsel sicher eine Reise wert, auch für mich. Wenn nicht weitere Touristenströme auch die archäologischen Stätten, unzählig auf der Insel vorhanden, zertrampeln.

Jörg Hertel, Januar 2001

Auszug aus Kapitel 24:

"Ich setzte mich auf einen stuhlhohen Kiesel und schaute hinaus aufs Meer. Hier unten war mein Blick durch ins Wasser laufende Klippen stark eingeengt. Statt dessen entdeckte ich linker Hand an einer bizarr geformten Felswand einen natürlichen steinernen Tritt. Dort hatte die Lava im Erkaltungsprozeß besonders auffällige Formen hinterlassen. Gasblasen hatten Auswölbungen hervortreten lassen. Härteres oder schon erkaltetes Gestein hatte scharfkantige gestreifte Linienführungen gebildet. Denen folgte ich jetzt nach einigen gewagten Schritten über loses mannshohes Geröll. Nach 40 Metern stand ich vor dem Nichts, das viel tosende Brandung bereit-hielt.

Ich kostete das Wasser aus den kleinen Tümpeln in den Felsspalten um mich herum. Es war Salzwasser. Es rührte also nicht vom Regen her. Der war heute nur über dem Gebiet des Terevaka niedergegangen. So durfte ich den Brechern unter mir zutrauen, die 4 Meter bis zu mir nach oben leicht überwinden zu können. Das beeindruckte mich zwar, doch es hielt mich nicht davon ab, genau an dieser Stelle Platz zu nehmen. Ich setzte mich auf den steinernen Boden und ließ die Beine über den Klippenrand herunterhängen. Das war wegen der teils messerscharfen Felskanten nicht besonders bequem. Doch ich glaubte, es sei typisch osterinsulanisch, und genau das brauchte ich jetzt.

Vor meinen Augen verschwamm die steinige Landschaft. Die Monate meines Aufenthaltes zogen in meinem Kopf an mir vorüber wie das Rauschen der Brandung zu meinen Füßen. Mir fielen Hopo und Lynn Rapu ein, die beiden hochmusikalischen Brüder, denen ich phantastische Aufnahmen zu verdanken hatte. Ich hörte ihre meistens überraschend gestellte Frage »Willst du nichts aufnehmen?« genauso in mir klingen wie ihre Lieder. Mal hatten sie sich auf Gitarre und Ukulele begleitet, mal a capella gesungen und einige Male hatten sie Keho, die musikalischen Steine zur Hand genommen, um den gesungenen Rhythmus zu unterstützen, so wie es früher auf Rapa Nui war. Damals hatte ich schon gemutmaßt, daß der Rap eine osterinsulanische Erfindung ist. Jetzt kam mir die Idee, daß Rockmusik ihrem Namen nach nur von hier stammen konnte. »Steinmusik« oder »Felsmusik« - nirgends konnte es eine dichtere Entsprechung zu diesem Wort geben als auf Rapa Nui. Die Insulaner machten schon vor Jahrhunderten Rockmusik und die Insel selbst seit Jahrhunderttausenden! Die Wellen spielten auf der Küste der Osterinsel ihre unendliche, ihre heimliche und unheimliche Musik und sie tun das bis zum heutigen Tag. Jede neue Welle brachte beim Heranbrausen wie zur Bestätigung meiner Gedanken eine neue Nuance, eine weitere Variation dieses uralten Spiels mit.

Von diesem universellen Sound scheint die Musik der Osterinsel geradezu abgeschaut. Das Wort Polyphonie geisterte noch einmal durch meinen Kopf. Ich hörte das Meer und wußte plötzlich, daß hier damit nicht einfach Mehrstimmigkeit gemeint war. Beim Singen der Insulaner wechseln deren Stimmen in einer Art Nicht-System zwischen den einzelnen Personen. Weder die Zeitpunkte des Wechsels noch seine Tatsache überhaupt scheinen bewußt zu sein. Dieses Unbewußtsein oder unbemerkte Bewußtsein erlebte ich jedesmal wie die Voraussetzung zum Funktionieren dieser Art Gesang. Beim Stimmwechsel kam es zu leichten Tonüberlappungen, so daß sich die Schwingungen aneinander rieben. So bildeten sich eigenartige Indifferenzen und Tremolos. Es entstand ein Klanggeflecht im Sinne des Wortes. Die Töne verwoben sich miteinander und gleichzeitig wohl auch die Singenden. Wenn dieses »Sing-Schwingen« computergrafisch sichtbar gemacht werden würde, wäre wohl als erstes ein heilloses Durcheinander auf dem Bildschirm zu sehen. Rückte man aber weiter und weiter vom Bildschirm, vom Ort des Geschehens ab, würden sich die einzelnen Picksel des Bildes wie bei einem gerasterten Zeitungsfoto wieder zusammenfinden und wir könnten das Prinzip, das dahintersteckt, erkennen. Ein Textilkünstler dürfte außer sich sein vor Erstaunen über die komplizierten und doch zusammenpassenden Strukturen. Zum Glück aber geht es hier um Musik. Man braucht gar nicht wegzugehen. Ihre Wirkung entfaltet sich im Gegenteil erst, wenn man nah genug herankommt. So war es auch beim Sound der Brandung. Ihre Ausläufer bespritzten inzwischen meine Füße, die ihr am nahsten waren.

Ramón Campbell hatte mir von einem Musikwissenschaftler erzählt, der eine Gruppe osterinsulanischer Musiker gebeten hatte, ein bestimmtes Lied zu intonieren. (Ob diesem damals bewußt war, daß das Wort »intonieren« eigentlich nichts anderes als »in den Ton hinein musizieren« bedeuten kann?) Nachdem die Gruppe das Stück beendet hatte, forderte der Wissenschaftler sie auf, es zu wiederholen. »Und zwar genauso wie eben noch einmal!« fügte er hinzu. »Wozu?«, sollen die Insulaner geantwortet haben. Und sangen das Lied ein weiteres Mal. Es war wohl zu hören, daß es ebendieses Stück war. Doch sonst war alles anders. Die Intuition hatte ihnen, wie das Meer, eine neue Variante geschickt. Der Forscher entdeckte, daß er im Falle der Osterinselmusik verlassen sein würde, wenn er sich auf sein musikstrukturelles Wissen verläßt. Er mußte lange Ohren machen. Er begann ins Nichtformulierbare vorzudringen und plötzlich verstand er die Musik, er erfuhr sie über sein Empfinden.

Ich vermutete, daß es diesen Umgang mit Musik auch in Europa gegeben hatte. Das dürfte allerdings gut ein Jahrtausend zurückliegen. Irgendwann hatte man dann der Praxis aus unbekanntem Grund eine Theorie hinzuzufügen begonnen. Mehr und mehr wurde nun auf diese Theorie geachtet und später fast nur noch von ihr ausgegangen. Vermutlich hatte man gedacht, daß dieses System das Musizieren vereinfachen würde, daß es sogar besser klingt. Die Vereinfachung war wohl auch eingetreten. Doch man hatte der Musik auch ein Korsett verpaßt. Plötzlich hatte man viel zu sehr darauf zu achten, daß man »richtig« spielte. Später spaltete sich der Musizierende zu allem Überfluß noch in Komponisten und Musiker auf. Etwas Untrennbares war gespalten worden, womöglich in bestem Wollen. Es bewahrheitete sich wieder einmal, daß »gut gemeint« das Gegenteil von »gut« ist! Das Gefühl für das Momentane ging verloren, Authentizität blieb hinter der Genauigkeit zurück. Die Bewegung, die sonst die Musik ausmachte, ihre Veränderlichkeit durch die augenblickliche Stimmung ebenso wie durch gesamtgesellschaftliche Entwicklung, erstarrte. Die ganze Zeit war die Musik von innen gekommen, jetzt entstand sie außerhalb. Plötzlich gab es den Drang, sie einzuordnen. Es entstanden Schubladen. Die Notenschrift war dabei nichts als eine Erfüllungsgehilfin. Sie verkam von der Gedächtnisstütze zum Kontrolleur und Zensor. Musik mußte nicht mehr gespielt werden, um lebendig zu bleiben. So starb nicht nur das einmalige an ihr, sondern auch die damit verbundene Lebensqualität. Die neue Musik erreichte bald nur noch bestimmte Schichten des Volkes, aber immer öfter niemand mehr. Das »Falsche« in der Musik war schlecht geworden. Die vielfältigen Versuche der Gegenwart, Macher und Gemachtes wieder miteinander zu vereinen, führten oft genug zu Machwerken. Sie scheiterten daran, daß sie mechanisiert, von der Suche nach dem nächsten Kick geprägt waren. Im Sinnbild entstanden zwar täuschend echte Gefäße, aber keiner wußte mehr, womit sie gefüllt werden sollen. So blieben viele von ihnen schön und sinn-leer.

Vielleicht sollten sich die vielen Experimentierer an den Weg des Musikwissenschaftlers halten, von dem mir Señor Campbell erzählt hatte. Sie mögen sich überraschen lassen. Arbeit ohne Singen hat keinen Sinn. Aber nicht die Arbeit bestimmt das Singen, sondern das Singen die Arbeit. Im übertragenen Sinn bestimmen in der westlichen Welt die Noten die Musik. Hier auf dieser entlegenen Insel ist es genau umgekehrt! Doch die Noten - hier sind es Vorsänger - sind wichtig und geachtet. Alles funktioniert erst durch diese besondere Polyphonie, durch das »Aufeinander zu«. Singen an einem Tag ohne Arbeit aber hat auch keinen Sinn. Erst mit ihr stellt sich mit dem Gefühl der Entspannung nach getanem Tagewerk die ganze Befriedigung ein. Und alles dreht sich.

Ein paar Spritzer Seewasser benetzten mein Gesicht. Ich hatte bei all den Gedanken gar nicht bemerkt, daß die Wellen höher geworden waren und meine Füße schon ein paarmal ganz überspült hatten. Ich war weit vorgedrungen in Gedanken, aber ich wußte nicht, wie ich mit all dem fertig werden sollte. Ich erhob mich schwerfällig von meinem unbequemen und gefährlich gewordenen Sitz.

Beim Herumwenden öffnete sich die Menschenfresserhöhle wie ein weites Maul vor mir. Ich liebte sie allein wegen der schweren Gedanken, die ich hier bekommen hatte, obwohl ich mich gleichzeitig ganz verdreht fühlte. Was sonst sollte an einem solchen Ort passieren? Ich kletterte die schiefrige und schiefe Treppe zurück nach oben. Wie durch ein Wunder war ich all die Stunden allein geblieben an einem Ort, der wegen seiner Nähe zu Hanga Roa sonst von vielen Besuchern angesteuert wird. Make Make sei Dank!

Der Nachmittag neigte sich schon gen Abend, aber ich wollte noch eine der benachbarten Aushöhlungen in Augenschein nehmen. Von dort holen sich die Insulaner bis heute ihre Klang- und Musiksteine. Doch der Trip war nicht in den wenigen Minuten erledigt, die ich dafür veranschlagte. Meine anvisierte Höhle lag nur ein paar hundert Meter neben der Ana Kai Tangata, doch diesmal wurde ich nicht von unwegsamem Gelände aufgehalten, sondern von Falken! Diese Vögel, auf Rapa Nui etwas kleiner als in Europa, waren auf die Insel gebracht worden, um der Ratten- und Mäuseplage Herr zu werden. Wie immer bei Versuchen, in den Lauf der Natur einzugreifen, war auch dieses Experiment nach hinten losgegangen. Die Falken genossen wohl das Klima, spezialisierten sich aber schnell auf Fisch und die Hühner der Einwohner. So wuchs die Population der Ratten bis heute und die der Falken selbstverständlich auch. Sie sind wohl die einzigen Lebewesen, die sich neben den Schaben und dem derben Gras die gesamte Insel erobert haben. Sollen sie zuerst nur weit draußen in menschenleerem Land zu Hause gewesen sein, kamen sie bald immer öfter ins Dorf, um Beute zu machen. Sie nutzen jeden erhöhten Standort, Zaunspfähle genauso wie Autodächer, um sich einen Überblick über die Landschaft zu verschaffen. Ich hatte sie bei meinen Streifzügen über die Insel oft beobachtet, selbst vom Boot aus hatte ich sie einige Male erspäht.

So war es kein Wunder, daß ich sie auch um die Meschenfresserhöhle herum antraf. Ich kannte die Tiere, so glaubte ich, deshalb wunderte ich mich zunächst auch nicht, daß sie heute sehr flach über dem Boden kreisten, als ich über eine Wiese lief, die hundert Meter von der Straße entfernt lag. Erst als aus den zwei, drei Exemplaren innerhalb von ein paar Sekunden ein paar Dutzend geworden waren, wurde ich stutzig. Doch ich setzte zunächst meinen Weg übers Gras fort, der der kürzeste zwischen den beiden Höhlen war. Das war wohl mein Fehler. Ein paar der Falken kreisten immer dichter um mich herum, wieweit ich mich auch vorwärts bewegte. Nun bekam ich es doch mit der Angst zu tun. Galten die seltsamen Flugmanöver wirklich mir? Allmählich kreisten sie mich nicht nur ein, sondern einer flog auch ein ums andere Mal dicht über meinen Kopf hinweg. Nun war klar, daß ich gemeint war, doch was sollte der Spuk? Josef riet mir später, also zu spät, mit den Armen zu wedeln, um die Tiere zu verscheuchen, doch in diesem Moment verkrampfte ich und versuchte schnell, aber nicht fluchtartig wirkend Boden zu gewinnen. Doch natürlich waren die Falken schneller als ich und auch unerbittlich.

Inzwischen streiften sie mit ihren Flügeln beim Überflug meinen Kopf und stießen rauhe Schreie aus. Ich war froh, wenigstens eine Kappe auf dem Kopf zu haben. Doch in meiner Phantasie sah ich schon, wie ich wie in den alten russischen Märchen in den Krallen der Raubvögel davongetragen werde. Ich lief und lief ohne zu wissen, was ich tun sollte.

Etwa 500 Meter von der Ana Kai Tangata entfernt endete das schaurige Schauspiel genauso plötzlich, wie es begonnen hatte. Ich hörte noch von weitem die Schreie der Falken und hoch oben kreisten einige noch eine ganze Weile. Doch ich schien davongekommen zu sein. Jetzt erst spürte ich, wie mein Herz raste und meine Knie zitterten. Was war in die Vögel gefahren? Wieso hatten sie mich als Feind angesehen und als Ziel ausgesucht? Ich war schon hunderten von ihnen begegnet und nie hatten sie sich derart angriffslustig verhalten. Während sich mein Atem beruhigte, geisterten ein paar Bilder von Hitchcocks berühmten Film durch meinen Kopf. Diesmal hatte ich das beklemmende Gefühl hautnah erlebt. Soviel wußte ich nun: das war etwas ganz anderes.

Ich kletterte über einen schmalen Grat hinunter zur Küste. Das war ja gar keine Höhle! Der Name verriet es auch. HANGA MATAVERI OTAI war eine Bucht. Der Fels wölbte sich nur einige Meter über dem gerölligen Grund wie das Dach über einer Terrasse. Doch nicht so sehr der Fels über mir weckte mein Interesse, sondern der Boden, auf dem ich mich nun bewegte. Er bestand einzig aus Kieseln in allen erdenklichen Größen und Farben. Ich schaute nach oben. Das Gestein in der Wand war wundersamerweise gänzlich bunt. Hier mußten in den Zeiten der Entstehung der Insel gleichzeitig ganz unterschiedliche Gesteinsarten, wohl aus sehr verschiedenen Erdtiefen an die Oberfläche geschoben worden sein. Die hatten sich in flüssigem Zustand dann vermischt und nach ihrer Erstarrung dieses prächtige Farbspiel zurückgelassen. In den Jahrtausenden seitdem brachen nach und nach Stücke aus der überhängenden Wand heraus und wurden von der Brandung mehr oder weniger rund gewaschen.

Ich stieg über das lose Material unter meinen Füßen wie bei einem Eiertanz hinunter bis zur Wasserlinie, die durch die unterschiedlich starken Wellen sehr relativ war. Aber dort, wo das Meerwasser die Steine befeuchtete, schillerten sie erst in ihrer vollen Pracht. Ich entdeckte milde Blau- und Grautöne, verschiedene Rot-Schattierungen und gelblichgrün gefärbte Steine in allen möglichen Abstufungen. Keiner war einfarbig. Viele hatten Muster, wunderbar geschwungene Linien und Spiralformen. Manche waren fleckig wie kleine Anhäufungen von Sternen, andere sahen aus, als wenn zwei völlig unterschiedlich gefärbte Stücke Stein nachträglich zusammengeklebt worden wären! Und das war erst einmal nur der Reichtum ihrer Farbe.

Als mir zwei Steine aus den Händen glitten und hinunter zum Wasser rollten, fiel mir wieder ein, weshalb ich eigentlich hierhergekommen war. Diese Steine waren wirklich Musikinstrumente! Ich begann verschiedene davon zusammenzuschlagen. Immer wieder erklangen andere Töne. Im Grunde hatte jeder Stein seine eigene Frequenz, oft sogar scheinbar mehrere. Es kam darauf an, wie ich sie in meinen Händen hielt. Klemmte ich sie nur zwischen meine Fingerspitzen, klang es klar und hell. Legte ich dieselben Steine in die Handflächen und umschloß sie fest mit meinen Fingern, erklang ein dumpfes, tiefes Ploppen. Veränderte ich meine Fingerstellung während des Schlagens, änderte sich auch die Klangfarbe. Schlug ich diesen Stein, nachdem ich ihn auf die anderen am Boden gelegt hatte, klang es wiederum anders. Vor meinen Füßen lag ein riesiges unüberschaubares Orchester mit unbegrenzten Möglichkeiten.

Die früheren Insulaner mußten Tage und vielleicht Wochen hier verbracht haben, um zusammenpassende Steine für eine ganze Melodie zu finden. Ich kniete allein eine Stunde an einer Stelle und grub mich immer tiefer in das musikalische Geröll. Bald hatte ich um mich herum einen kleinen Steinwall aufgeschichtet und vor mir war ein halbmetertiefes Loch entstanden, an dessen Grund immer neue rundgewaschene Steine auftauchten. Ich hatte mir schon einige Dutzend zur Seite gelegt, die ich unbedingt mitnehmen wollte. Sicher waren das auch einige Kilo mehr Gepäck für die Rückreise, aber das interessierte mich im Moment ebensowenig wie die Tatsache, daß schon einiges steinige Material in meinem Zimmer lagerte. Erst als ich meine überladene Fototasche anhob, spürte ich die Verrücktheit meines Unterfangens. Doch das belehrte mich keineswegs. Im Gegenteil.

Mir fiel ein, daß sich in der Nähe der MAUNGA ORITO befand, der ganz aus Obsidian bestand, dem schwarzen vulkanischen Glas. Mein letzter Aufenthalt dort hatte nur kurze Zeit gedauert. Ich wußte, daß ich nicht mehr dorthin gelangen würde, wenn ich es jetzt nicht täte. Es war gegen 19.00 Uhr. Zwei Stunden lang war noch mit ausreichender Helligkeit zu rechnen. Das mußte genügen. Ich schulterte meinen Steintransport und machte mich auf zu meinem vermutlich letzten Ziel für diesen Tag. Diesmal nahm ich vorsorglich die Straße, denn den Falken wollte ich mich kein zweites Mal als Angriffsziel anbieten. Einen Kilometer die Straße unterhalb der Stirnseite der Flugpiste entlang, dann rechts herum die Av. Hotu Matua längs der Piste einen weiteren Kilometer bis zu seiner Mitte, dann begann der Aufstieg über ein Weidegebiet für Kühe. Der Orito hatte auch einen Fahrweg, der sich ähnlich wie beim Rano Kau in weiten Windungen zum Gipfel schlängelt. Doch dieser Weg begann am anderen Ende des Berges und ich hatte weder ein Auto noch die Zeit, mir eins zu besorgen. Ich mußte nicht einmal bis zum Gipfel hinauf. Die Obsidianfelder begannen auf halber Höhe und erstreckten sich unübersehbar weiter nach oben und nach allen anderen Seiten. Ich stellte meine schwere Tasche ab, dehnte und streckte mich etwas und vergaß diesmal nicht, mir den Platz, an dem die Tasche stand, von mehreren Seiten anzuschauen und fest einzuprägen. Meine Motu-Nui-Erfahrungen lagen viele Wochen zurück, waren aber noch in lebendiger Erinnerung. Zwischen den Grasbüscheln hatte die Erosion viele mehrere Quadratmeter große Flächen freigelegt, die mir die Suche nach dem schwarzen Halbedelstein sehr erleichterten. Diese Felder hoben sich durch ihre kräftige rote Farbgebung deutlich vom blassen Grün des Grases ab. Das Obsidian hätte ich mit einer Schaufel einsammeln können, so viel lag hier davon herum.

Ich kniete mich erneut auf den Boden, um eine der Fundstellen genauer in Augenschein zu nehmen. Wie von einem Insekt gestochen sprang ich aber sogleich wieder auf, um mein Knie zu reiben. Innerhalb der selben Sekunde zuckte ich auch mit meiner Hand von meinem Knie zurück und krümmte mich ein zweites Mal vor Schmerz laut schreiend. Sofort fröstelte ich am ganzen Körper. Ich konnte sogar spüren, wie meine Lippen zitterten. Was war geschehen? Ich war völlig paralysiert und konnte eine Minute lang überhaupt nichts tun. Allmählich ging der Schmerz auf ein erträgliches Maß zurück. Wollte mich die Insel so verabschieden? Ich schaute auf meine Hände. Die Haut an ihren Innenseiten war unter einer dicken Schicht roter Erde und dunkelrotem Blut verschwunden! An meinen Knien bahnten sich einige blutige Rinnsale ihren Weg zu den Füßen. Bei genauerem Hinsehen hatte nicht die Gerinnung den Blutfluß gestoppt, sondern einige Obsidiansplitter, die in meinen Knien steckengeblieben waren und die Wunden verschlossen. Deren Enden hatten beim Reiben gleich darauf meine Handflächen aufgerissen. Ich sah an mir herunter und konnte es nicht glauben. Es war, als ob ich gerade von einer Schlachtung gekommen wäre.

Aus dem Obsidian des Orito hatten die alten Insulaner auch ihre Waffen gebaut. Jetzt hatte ich die Wirksamkeit schon dieser kleinen Brocken am eigenen Leib erfahren. Entsprechend gebrochene Stücke dürften an einem Stock befestigt zu einer tödlichen Lanze geworden sein!

Ich versuchte die Splitter aus Händen und Knien zu ziehen, worauf sich sogleich der Blutfluß wieder einstellte. Gebückt sammelte ich trotzdem noch wie in Trance einige Stücke des barbarischen Gesteins in meine schon übervolle Tasche und setzte mich dann auf ein Grasbüschel, um mich etwas vom Schock zu erholen. War es mir am Rano Raraku während des TAPATI-Festes nicht schon einmal genauso gegangen? Ich war nicht klug geworden.

Der Schmerz hatte bald etwas nachgelassen und so entdeckte ich, daß unten am Flugplatz eine außergewöhnliche Maschine auf dem Rollfeld abgestellt war. Ich hatte mich tagsüber schon über den unmäßigen Krach gewundert, der einige Minuten lang vom Flugfeld herüber zu meinem beschaulichen Platz unten vor der Menschenfresserhöhle gedrungen war und den ich mir nicht hatte erklären können. Jetzt sah ich des Übels Grund friedlich dastehen. Es war eine Concorde, eins der Überschallverkehrsflugzeuge der Air France, die auf einer Weltumrundung für 20 Stunden auf Rapa Nui - wie sollte es anders sein? - Station gemacht hatte. Noch zwei Nächte, dann würde ich selbst auf diesem Rollfeld stehen und mich der Maschine nähern, die mich nach Santiago bringt.

Als ich blut- und schweißverkrustet an meiner Unterkunft anlangte, wunderte sich seltsamerweise niemand über mein Aussehen oder meinen Zustand. War ich der einzige, der ihn wahrnahm? Oder verstand einfach jeder, daß ich mich in meinen letzten Tagen noch einmal richtig »ins Zeug legte«? Ich wollte nicht schlafen. Jetzt nur nicht das! Ich setzte mich nach einen groben Reinigung hinauf auf den Hügel mit der guten Aussicht. Dort sog ich noch einmal eines dieser Himmelsfarbspiele auf, die mich die Zeit auf Rapa Nui begleitet und mir gezeigt hatten, daß Kitsch eine relative Angelegenheit ist. Allmählich verschwanden die letzten orangenen Streifen hinter dem Horizont und machen einem graublauen Schleier Platz, der bald von einer sternenfunkelnden Nacht eingeholt würde.

Ich wollte gerade gehen, weil mir kalt wurde, da passierte ein Wunder. Das Licht kam noch einmal zurück! Es tauchte die Unterseite der wenigen Wolkenschwaden am Firnament innerhalb einer Minute in schreiendes und gleichzeitig mystisch schweigendes Rot. Es war dasselbe blutige Rot, das mir heute, vermischt mit der roten Erde der Insel, an den Händen geklebt hatte. Ich ging unwillkürlich einen Schritt zurück. Das konnte doch nicht wahr sein! Diese Farbe konnte es nicht, der Zusammenhang nicht und schon gar nicht um diese Uhrzeit. Es war weit nach 22.00 Uhr. Die farbgetränkten Wolken hingen so tief über der Insel, daß ich glaubte, sogleich würde dieses Füllhorn über mir ausgeschüttet und mich durchtränken. Immerhin war ich so geistesgegenwärtig, meinen Fotoapparat zu holen und einige Male auf den Auslöser zu drücken.

Dann ließ ich die Kamera sinken und hockte mich, so gut es ging, erneut auf den Boden. Diesmal war das Gras weich, aber trotzdem schmerzten die Wunden des Tages noch. Gleichzeitig war mir, als wenn ich tagsüber nur für diesen Augenblick geübt hatte. Ich starrte geradeaus, bis mir nicht allein deshalb schwarz vor Augen wurde, weil sich das Himmelszeichen wieder hinter den Horizont zurückgezogen hatte und mich ohne Antwort zurückließ. Der Himmel von Rapa Nui hatte für mich gebrannt und jetzt loderte dieses Feuer in mir."

zurück