"Stuhl in die Mitte und singen"

Auszug aus dem Interview mit Frank Mäder, Aue



Frank Mäder: Jetzt sehen wir ungefähr das, was der Bergmann gesehen hat, wenn er vor Ort war.
Jörg Hertel: Ist nicht direkt viel.
F: So war das. Und daraus ist die Sehnsucht nach dem Licht zu erklären.
J: Wenn die wieder nach draußen gekommen sind, müssen sie doch erst mal blind gewesen sein.
F: Ja, die kamen ja hinaus, wenn es finster war. Die sind ja früh hinein gefahren wenn es finster war und kamen dann wieder, wenn es finster war. Meistens jedenfalls.
J: Die mussten die Lampe ja ganz nah bei sich gehabt haben, damit sie was gesehen haben. Die Flamme kann man ja schon mit einer Handbewegung "ausblasen".
F: Na, der Docht war ein bisschen länger, dadurch wird es ein ganz klein bisschen heller.
J: Womit brennt das? Mit Öl?
F: Rüböl war das da drinnen, also Rapsöl. Und jetzt nimmt man halt das Lampenöl.
J: Ist die Lampe nachgebaut oder ein Originalteil?
F: Nee, nee, das ist keine alte, das ist eine nachgebaute. Die macht irgend jemand.
J: "Der Berg ruft", das gibt es doch. Ich weiß nicht, ob das ein Erzgebirgsspruch ist oder mehr bayerisch?
F: Das ist eigentlich von den Bergsteigern.
J: Ich versuche mir gerade vorzustellen, wie das wohl geklungen hat, wenn die Bergleute hier gepickert haben. Das ist ja deren alltägliches Geräusch gewesen.
F: Ja, man hat ja nur das Schlagen mit dem Fäustel, Schlegel auf Eisen, gehört. Also, der Schlegel war ja der Fäustel und das Eisen war eben der Spitzmeißel, der an dem Stiel festgemacht war. Damit ist das hier alles entstanden. Hier ist kein Sprengstoff verwendet worden und nichts. Das ist größtenteils mit Schlegel und Eisen ausgeschlagen worden, da siehst du noch die Spuren.
J: Wurde hier drinnen vielleicht auch etwas gesungen? "Berggeschrei" fällt mir jetzt ein als Stichwort. Das aber steht für etwas anderes, oder?
F: Man sagt, dass sie vor Ort gesungen haben, viel gesungen haben. Aber nicht immer sehr züchtige Lieder. Leider sind diese Lieder nicht mehr da. Ich habe schon verschiedene Quellen untersucht, auch Gerhard Heilfurth. Es ist nichts zu finden von diesen alten Bergliedern, die wirklich aus der Zeit des Silberbergbaus stammen.
J: Es hätte ja jemand mit hier unten sein müssen, der das notiert und festhält, denn die werden die Lieder wohl nur hier unten... vielleicht sogar erfunden haben.
F: In Gaststätten haben sie auch gesungen, wenn sie beisammen saßen. Da gibt es ja das berühmte Zitat von Christian Melder: "Die Bergleute, man hört sie von weitem, wenn sie ein Gelage haben, weil sie rufen und tönen, das Maul muss aufgetan, der Hals drangestreckt und aus allen Kräften gesungen sein, wenn sie weidlich ihre bergmännischen Zithern mit dem Federkiel beschlagen." Das ist aus dieser Zeit.
J: Aus welcher Zeit stammt das?
F: Das ist 1700 etwa.
J: Immerhin. Solche Sachen, die dann in den Kneipen passiert sind, die haben sich dann wahrscheinlich eingeprägt, oder?
F: Tja, aber die Texte fehlen. Das Bergmannsliedgut, was heute überliefert ist, ist meistens 1800, 1850, dieser Dreh. Wo dieser Silberbergbau hier gar nicht mehr in Betrieb war. Da wurden nur noch Reste wie Kobald, Kupfer, Zinn gefördert.
J: Beim Uranabbau werden sie nicht gesungen haben.
F: Nee, da konnten sie nicht singen.
J: Da mußte man sich eher den Mund zuhalten, daß man nicht Krebs kriegt.
(Schweigen) Das ist nun das Erzgebirge von unten.
F: Wenn man hier nichts sagt, das ist die fast absolute Ruhe.
J: Ich habe gerade einen Tropfen gehört. Und ich höre meinen eigenen Magen, also man hört sich selber.
F: Da hörst du deine eigenen Geräusche, das ist es.
J: Das ist eine fantastische Möglichkeit, sich zurückzuziehen.
F: Und das mache ich manchmal. Ich fahre manchmal hier hinein und setzte mich eine Stunde hin, wenn ich die Schnauze voll habe.
J: Von der Welt?
F: Von der Fabrik, weißt du.
J: Das ist ja eine ganz exklusive Rückzugsmöglichkeit, wer hat denn so etwas.
F: Man findet ja heute kaum noch eine Stelle, wo es ruhig ist. Du kannst nachts draußen sitzen, du hörst Autos.
J: Singst du eigentlich auf Arbeit?
F: Ja, selten. Früher schon mehr, aber nach der Wende weniger. Weil wir mehr arbeiten müssen. Ich saß mal - ich erzähl' sie auch immer wieder, die alten Sachen - ich saß mal auf einem Kran und habe gesungen "Auf einem Baum ein Kuckuck saß". Und alle haben gebrüllt vor Lachen.
J: Weil sie es gut fanden?
F: Ja, vor Freude.
J: Ich glaube, das würde in Leipzig nicht passieren, daß einer einfach draußen anfängt zu singen. Hast du eigentlich jemals woanders gewohnt als im Erzgebirge?
F: Nein, ich habe immer in Auerhammer gewohnt. Bis auf meine Armeezeit war ich immer hier.
J: Was fällt dir denn als erstes ein, wenn du ans Erzgebirge denkst?
F: Wenn ich ans Erzgebirge denke? Wald.
J: Randfichten?
F: Nicht unbedingt. Kind, Kindheit, spielen im Wald, in den Berg rein kriechen, abenteuerlich, wunderschön, gefährlich. Unseren Eltern hätte es sicher die Haare zu Berge gezogen, wenn die gewußt hätten, wo wir sind. War eine sehr schöne Sache. Und natürlich das erzgebirgische Lied von der Mutter her. Ja, abends als Schlaflied, und das "Feierobndlied" mal mitunter von der Mutter. Die Großeltern sowieso zu Geburtstagen und allen Anlässen. Ja, was fällt mir noch ein? Ein Ladengeschäft, die alten erzgebirgischen Originale, wenn die kamen und haben sich im Laden versammelt und dann erzählt all die Geschichten, die wir als Kinder selten erlebten. Braucht man sich bloß mal vorstellen, wir saßen hinter dem Ofen irgendwo und die Alten saßen auf der Bank daneben, haben sich ein bißchen gewärmt im Winter und dann nur erzählt von alten Leuten, die sie mal gekannt haben, von Saager-Ernst und wie sie alle hießen. Ja, und dann hast du also als Kind nur erzgebirgisch gelernt, so daß du das Hochdeutsche, ach, das fällt mir heute noch schwer, das beste, ich versuche es gar nicht erst, würde nichts dabei rauskommen.
J: Du braucht es ja auch nicht. Hier jedenfalls nicht. Wird hier jemand, der hier hochdeutsch spricht, schief angeguckt oder so?
F: Nö, wenn hier mal ein Fremder ist, der redet dann so. Und, mein Vater war Thüringer und der hat seine Muttersprache auch nie verloren, hier nicht im Erzgebirge, Jahrzehnte im Erzgebirge.
J: Das Thüringische ist ja auch relativ ausgeprägt. Was ich auch früher nicht gedacht hätte. Bevor ich das erste Mal dort war, dachte ich, in Thüringen ist alles ganz edel und schön hochdeutsch.
F: Ja, im Thüringer Wald ganz besonders, ne. Wenn du weiter runter kommst, ist es wie bei uns wenn du nach Zwickau kommst, verliert sich das immer mehr.
J: Ich weiß nicht, ich habe das Gefühl, ich habe als Kind gar nicht so erzgebirgisch geredet. Meine Eltern haben das zwar heftig gemacht, nur ich irgendwie nicht. Ich glaube, ich war dann doch schon mehr unter städtischem Einfluß. Sie haben uns auch in der Schule beigebracht, wir sollten "richtig" reden.
F: Genau.
J: Ich kann mich sogar erinnern an meinen Deutschlehrer. Der hat immer gesagt, wir müßten "aaa" sprechen und nicht "ao", doch es ist uns schwergefallen.
F: In der Schule wird das ein bißchen ausgetrieben. In meiner Altersklasse reden alle noch erzgebirgisch. Aber meine Kinder schon nicht mehr. Also im Umgang überhaupt nicht. Wenn sie mal ihr Theaterstück spielen, dann ja, aber im Umgang untereinander nicht mehr. Das ist schade.
J: Als ich in Breitenbrunn Unterricht gemacht habe, war es für mich ganz genußvoll, den Studenten zuzuhören. Die sind ja von überall hergekommen, aber trotzdem war es noch Dialekt. Als einer, der schon seit Jahren den Dialekt nicht mehr spricht, war das für mich Heimatgefühl. Auch wenn das quasi nur Reste gewesen sind, die ich gehört habe, es war mir vertraut.
F: Na, die da von weiter oben kommen, die reden es schon noch Dialekt - die Kinder.
J: Ja, mehr auf dem Lande dann halt. Da sind wir ja auch bei meiner Idee mit diesem Buch. Irgendwann dachte ich, Mensch, das Erzgebirge ist eigentlich auch ein bißchen ein abgelegener Fleck. Vielleicht sogar der abgelegenste Fleck Deutschlands? Und deshalb hat sich zum Beispiel Musik vielleicht besonders eigenständig entwickelt. Insofern abgelegen als was ganz positives, wo etwas Besonderes entstanden ist. Kommst du dir als Erzgebirger isoliert vor?
F: Nein. Ich muß natürlich auch sagen, ich habe nicht den Drang ins Weite, und schon gar nicht in die Stadt. Ich fühle mich hier rundum wohl. Ich fahr mal woanders hin, gucke mir das an, aber daß ich das brauche, wie manche Fernweh haben, wie du, das will ich nicht.
J: Bei mir dreht es sich ja gerade wieder um. Nachdem ich das jetzt so ein bißchen abgearbeitet habe, verspätet, weil die Wende für mich zehn Jahre zu spät gekommen ist, als man normalerweise solche Reisen macht. Jetzt ist es so, als wenn sich etwas angestaut hat in der Zeit, in der ich in der Ferne unterwegs war. Es gibt ja auch diesen Satz: Fernweh ist eigentlich Nähe-Sehnsucht. Eigentlich will man zurück.

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